Archive for Juni 2006

Gedanken ueber Sportclubs und die Welt im Allgemeinen

Juni 30, 2006

teamyellow Je laenger ich hier bin, um so mehr Neues erfahre ich ueber die Japaner. Trotz 5 Monaten Aufenthalt verstehe ich noch laengst nicht alle Besonderheiten hier. Eine Sache, die auffaellt, wenn man das Leben an der Universitaet mit Deutschland vergleicht, ist das „Clubleben“, das es hier gibt. Neben dem Studium und neben dem ueblichen Nebenjob gehoeren viele Studenten einem Club an. Das ist meistens irgendein Sportclub, also Tanzen, Judo, Baseball, Tennis, Kendo (das mit dem Holzstab), Bogenschiessen, oder aehnliches. Als unbedarftes Nichtmitglied habe ich natuerlich schon einmal einen Studenten gefragt, ob das denn Spass macht. Ich hatte ein bisschen die Hoffnung, dass ich vielleicht auch mal mitmachen darf, einfach so aus Spass halt! Aber meistens blicke ich dann in ein erstauntes Gesicht, so als wolle es sagen: „Spass? Was ist das denn?“ oder etwa „Darum geht es hier nicht.“ Heute habe ich gelernt, dass es *wirklich* nicht um Spass geht bei diesen Sportclubs. Die Studenten ueben ihr „Hobby“ mit derselben Praezision und demselben Engagement aus wie ihren Beruf. Am Anfang dachte ich, dass muss eine japanische Krankheit sein… Warum kann man nicht einfach Spass haben ohne Zwang und ohne Verpflichtung, gut zu sein? Seit heute weiss ich, dass die Studenten in ihren Clubs die wichtigsten Freundschaften ihres Lebens schliessen. Auch bei diese Freundschaften spielt die Altershierarchie eine grosse Rolle. Die Aelteren kuemmern sich um die Juengeren, waehrend die Juengeren fuer die Aelteren ab und zu „Sklavenarbeit“ machen muessen. Baelle aufsammeln beim Tennis zum Beispiel. Die Aelteren sind aber auch im spaeteren Berufsleben weiterhin verpflichtet, ihren juengeren Freunden zu helfen. Jetzt wird mir klar, warum es so schwer ist, enge Freundschaften zu schliessen. Weil es gleichzeitig eine Verpflichtung bedeutet, die natuerlich manchmal schwer zu erfuellen ist. In meinem Fall, als „temporaerer Einwanderer“ brauche ich gar nicht auf so etwas hoffen, denn ich bin ja bald wieder weg. Das klingt fuer uns wirklich total unzeitgemaess und das ist es wohl auch – in unserer Gesellschaft. Ich empfinde das, so wie alle Europaeer, als Unfreiheit. Aber die Japaner haben fuer viele Sachen andere Loesungen gefunden. Sie kommen klar mit ihrem System. Sie fuehlen sich auch nicht ungluecklich oder so, als wuerde es ihnen an Freiheit fehlen. Das glaube ich jedenfalls. Vielleicht merken sie aber auch erst, dass das nicht normal ist, wenn sie mal in ein anderes Land reisen. So wie ich jetzt merke, dass das System in Deutschland keinesfalls normal ist. Das ist nur in Deutschland normal. Andere Auslaender halten uns Deutsche fuer verrueckt. Die Japaner finden es zum Beispiel lustig, dass wir Eichstriche auf Bierglaesern haben. Praezision beim Saufen – das kann es wirklich nur in Deutschland geben! Sie haben recht. Das ist total bescheuert. Ich dachte ja auch immer, dass die „modernen Gesellschaften“ auf der Welt wie USA, die europaeischen Laender und Japan schon irgendwie aehnliche Spielregeln besitzen. Jetzt weiss ich, dass das keineswegs so ist. Und wenn man in der Minderheit ist, hat man keine Chance, es zu aendern. Ich merke auch, dass ich mich nicht anpassen kann. Ich kann mein Denken nicht mehr veraendern. Ich bin aus Deutschland, ich bin christlich erzogen worden und das koennen andere Leute mir auch ansehen. Die einzige Moeglichkeit, die bleibt, ist das andere Land und die andere Kultur zu akzeptieren. Man merkt, dass man sie akzeptieren MUSS. Das ist eine sehr gute Erfahrung, und ich wuensche mir, dass auch viele andere Leute diese Erfahrung machen koennen.

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Yosakoi

Juni 17, 2006

(Yosakoi Foto) Und dann war am letzten Wochenende noch Yosakoi-Soran-Festival in Sapporo. Das Fest beschreibe ich als eine Mischung aus Brasilianischem Karneval, Love-Parade (aber ohne Liebe) und japanischer Tanzperformance. Das war fantastisch. Wenn die Japaner mal feiern, dann richtig. Das Festival ist noch nicht so alt, vielleicht 15 Jahre, aber es ist in Japan schon ziemlich bekannt. Die Musik ist irgendwie eintoenig, aber der Rhythmus von Taiko-Trommeln laesst mich irgendwie nicht los. Die bunten Kostueme sehen toll aus. Man sieht, dass hier Tradition und Moderne vermischt werden sollen. Normalerweise sind das grosse Gegensaetze in Japan, aber hier scheint das Konzept aufzugehen. Es sind tausende von Teilnehmern und Zuschauern da, die sich die Taenze angucken. Alle duerfen mitmachen. Alte und Junge und auch kleine Kinder, Gesunde und Kranke. Bei der Uni-Tanzgruppe sind sogar Auslaender dabei 😉 Leider sind meine Eltern schon wieder weg und meine Schwester noch nicht da, denn es lohnt sich, das anzugucken in Sapporo. Ich wuerde beim naechsten Mal gerne mittanzen. Aber – wie immer – es wird ein bisschen uebertrieben mit der Vorbereitung… 6 Monate sind normal und im letzten Monat vor dem Fest wird mindestens drei Mal in der Woche einen ganzen Tag lang geprobt. Denn man muss das Tanzen vier Tage lang durchhalten… Auch bei Regen, so wie in diesem Jahr. Ich habe Studenten gesehen, die geweint haben, weil sie so fertig waren (und da mussten sie noch weitere 3 Stunden tanzen). Aufgeben kommt nicht in Frage. Ich weiss nicht, wie ich das finden soll. Aber ich merke, dass das Yosakoi deshalb so toll ist, weil sich alle wirklich verausgaben. Leider wird nicht "jebuetzt".

Doitsu:Porando 1:0

Juni 17, 2006

ich habe mir gerade das spiel gegen Polen mit 2-taegiger verpaetung angeguckt. wirklich tolles spiel. scheint ja doch eine tolle stimmung zu sein in deutschland. klinsmann ist der beste! er hat alles richtig gemacht, habe ich immer gesagt. ich finde es jetzt – trotz meiner laesterei vor kurzem – schade, dass ich nichts von dem ganzen theater mitkriege. im fernsehen – dat is nich datselbe! ich hoffe, wir spielen noch lange mit. in der letzten woche musste ich nichts bezahlen in der kneipe, wo ich fussball geguckt habe…das war total nett von dem wirt. nur weil ich aus deutschland bin. und ich habe noch nicht mal gesungen. so etwas passiert in deutschland garantiert keinem polnischen fussballfan. Der kriegt hoechstens eins umsonst auf die fresse. deutschlandfahne aufhaengen ist jetzt wieder erlaubt? darf man auch wieder sagen, dass man stolz auf deutschland ist? entschuldigung, ich bin schon wieder am laestern…hoffentlich lasst ihr mich noch rein, wenn ich wiederkomme. ich schaeme mich nicht fuer meine nationalitaet. ich schaeme mich fast ueberhaupt nie (siehe unten).

Ihr solltet euch schaemen

Juni 17, 2006

Wenn man aus Europa nach Japan kommt, faellt einem sofort auf, dass sich scheinbar jeder schaemt. Und zwar in Situationen, wo das bei uns wirklich nicht notwendig ist. Zum Beispiel wenn man mit jemanden spricht und in etwa sagt: "Hey, na, wie geht's? Alles fit?", dann sieht man oft einen leichten Schatten ueber das Gesicht des anderen huschen, so als haette man jetzt eine unsichtbare Grenze ueberschritten. Ganz schlimm wird es, wenn man – wie ich am Mittwoch abend – zu dem Kurs "Wir sprechen Deutsch" geht… Dort sassen tatsaechlich nur Leute zwischen 50 und 80, die vor Urzeiten mal Deutsch in der Schule gelernt haben. Offensichlich haben sie Zeit und wollen die Sprache nicht ganz vergessen. Eigentlich eine schoene Idee. ABER. Der Lehrer ist ein armer Mittdreissiger aus Deutschland, der die undankbare Aufgabe hat, die Konversation in Gang zu halten. Leider will das nicht so recht klappen, denn kaum jemand traut sich wirklich, ein Wort zu sagen. Ein etwa 40-jaehriger Mann fragt mich ein paar Fragen, aber er entschuldigt sich bei jedem zweiten Wort, weil er sich fuer seine Aussprache und fuer seine Fehler schaemt. Das ist nicht auszuhalten. Warum kommen sie ueberhaupt zu der Stunde? Die Atmosphaere ist schlimmer als in der Schule. Ein anderer Mann fragt mich die ganze Zeit grammatikalische Fragen von der hinterletzten Seite seines Deutschbuches: Warum heisst es "im Juli", aber "am 18. Juli"? Na, wer weiss es? Man merkt allen an, dass bei ihnen im Kopf etwas anderes vorgeht beim Sprechen der fremden Sprache. Fehler machen ist bei uns keine dramatische Sache. In Japan musste man sich frueher den Bauch aufschlitzen? Den Kopf abhacken? Ich weiss es nicht. Gestern, beim Freitagabend-Bier mit Arbeitskollegen, kam das Gespraech auch auf dieses Thema. Alle am Tisch haben ploetzlich zugegeben, dass sie am Anfang (also vor 5 Monaten), Angst hatten, mit mir zu sprechen. Erst jetzt haetten sie ein bisschen ihre Angst verloren. Sie schaemten sich fuer ihr schlechtes Englisch. Das ist fuer mich schwer zu verstehen. Eigentlich muesste ich mich doch schaemen! ICH kam hierher und habe kein Wort Japanisch gesprochen. Aber es ist genau anders herum. Ich habe dann erklaert, dass ich mich noch nie richtig geschaemt habe. Weil ich Fehler fuer sinnvoll halte und daraus lerne. Das hat ihnen eingeleuchtet, aber es ist sicher schwierig, sich umzugewoehnen. Ich fange ja auch nicht ploetzlich an, dauernd rot zu werden. Das muss eine Folge der unterschiedlichen Erziehung sein. Wir haben noch ueber andere interessante Sachen gesprochen. Eine Kollegin meinte, sie wuerde immer die englischen Woerter, mit denen man Gefuehle ausdrueckt, lernen. Dabei sei ihr aufgefallen, dass viele japanische Ausdruecke gar nicht mit einem Wort zu uebersetzen sind. Auch umgekehrt gibt es das. Sie hat ein Beispiel genannt: Es gibt im Japanischen nur ein Wort fuer "irritiert / aergerlich / zornig und kurz-vorm-Ausrasten". Ich konnte es kaum glauben und habe gefragt, ob es fuer sie das Gleiche ist, wenn ich sie nerve, indem ich die ganze Zeit mit dem Bein wippe oder, wenn sie ihren Mann mit einer anderen Frau erwischt. Im Prinzip sei das das gleiche Wort, meinte sie. Aber die Bedeutung variiert. Interessant, oder? Da habe ich wieder was gelernt gestern. Abstufungen gibt es wohl nur bei der Schaerfe von Soup Curry (eines meiner Lieblingsgerichte). Als ich dann im weiteren Verlauf des Abends ein Glas Bier ueber meine Hose kippe (ein Hobby von mir), kam sofort die Frage: "Und was fuehlst du jetzt??". Ich musste zugeben, dass ich mich etwas schaeme. Aber ich bin nicht rot geworden!

Nampa

Juni 12, 2006

Viele Eindruecke an diesem Wochenende. Ich muss eine Menge aufschreiben, sonst ist es weg. Ich habe ein neues Wort gelernt. Nampa. Am Samstag war ich auf dem Geburtstag unserer chinesischen Mitarbeiterin Sonn eingeladen. Es waren auch ein paar ihrer chinesischen Freunde dort. Bei der natuerlich *etwas schwierig zu fuehrenden* Unterhaltung (Englisch, Japanisch und Chinesisch) habe ich immerhin soviel verstanden: Selbst die Chinesen fuehlen sich hier in Japan haeufig einsam. Das finde ich ueberraschend. Und das, obwohl sie ja aeusserlich meistens genauso wie Japaner aussehen. Es gibt zwar ein paar typische chinesische Merkmale, aber viele Chinesen haben die gar nicht. Ich bin immer etwas verunsichert, wenn ich Chinesen treffe, von denen ich das zuerst nicht weiss. Denn ich erwarte immer die zurueckhaltende japanische Art und verhalte mich auch dementsprechend anders beim Begruessungsritual. Eine Minute spaeter merke ich dann, ach, die Frau ist ja aus China! Dann kann ich mich ja ganz locker unterhalten! Das ist wirklich komisch, wie ich selbst in dieser Situation ertappe. Aber der Unterschied existiert wirklich. Frueher dachte ich auch, die Sprachen seien miteinander verwandt oder wenigstens aehnlich. Aber am Samstag habe ich den direkten Vergleich gehoert. Es gibt wirklich keine Aehnlichkeiten zwischen Chinesisch und Japanisch. Nur bei der Schrift sind viele Zeichen identisch. Eigentlich will ich folgendes erzaehlen. Ich habe dann einer Frau erzaehlt, was mir ein paar Tage vorher passiert war: „Ich kehre auf meinem kleinen Fahrrad von der Videothek zurueck und naehere mich einer roten Ampel, an der ich selbstverstaendlich anhalten moechte. Dabei ueberhole ich langsam eine Gruppe von juengeren Menschen. Ploetzlich faengt ein Maedchen von ihnen an, laut zu kreischen, als sie mich in ihrer Naehe erblickt. Ich bin eindeutig mit der Situation ueberfordert, und muss kurz lachen, aber dann ziehe ich die Schultern ein und fahre weg. Danach fuehle ich mich den ganzen Abend wie ein beruehmter Star.“ Die Chinesin meint nur so zu mir: „Hey, you have been nampa-ed!“ Was? Sie erzaehlt mir dann, dass das manchmal gemacht wird in Japan, um jemanden kennenzulernen. Ich haette einfach meine Telefonnummer rausruecken muessen. Dann haette ich mich richtig verhalten. Ach so! Das haette ich in der Tat wissen sollen… Glaubt ihr mir jetzt, dass das hier manchmal etwas schraeg ist? Leider passiert das nicht taeglich, aber beim naechsten Mal weiss ich Bescheid.

Das F-Wort

Juni 8, 2006

Koennt ihr es noch hoeren? Das F-Wort? Ein Tag vor dem Anpfiff muss auch ich mich fern der Heimat zu dem anstehenden Grossereignis aeussern. Alle Gedanken heute in sinnfreiem Zusammenhang.
Von dem Overkill an Werbung werde ich hier ja verschont, wenn man einmal von a) Maedchen, die umsonst Taschentuecher verteilen b) 4-sprachigen Lautsprecherdurchsagen auf offener Strasse c) flimmernden Monitoren in Wohnhausgroesse d) haufenweise Werbematerial im Briefkasten e) eine mit Werbung zugekleisterte U-Bahn absieht. Trotzdem erfreut sich Saka, wie das F-Wort hier heisst, auch in Japan grosser Beliebtheit. In den Medien macht man sich angeblich Sorgen wegen der geringen Koerpergroesse der japanischen Spieler.
Ist der Kaiser schon zum Gottkoenig ernannt worden? Warum wird Klinsmann eigentlich nicht mehr Klinsi genannt? Bald schon dreht sich das Leder. Dann wird die Viererabwehrkette auf dem Gruen die Abseitsfalle stellen und Herr Lehmann wird den Kasten sauber halten. Denkt auch jemand an die Spielerfrauen? Duerfen sie ins Hotel oder nur zuschauen und geben die auch schon Interviews? Hoffentlich hat der Poldi morgen gegen Costa Rica einen lockeren rechten Fuss. Ich finde, die Spieler muessen mehr Mannschaftsgeist entwickeln. Und sie muessen mehr ueber die Aussen kommen. Dann flanken und mit dem Kopf reinmachen. Ganz einfach, der Sport. Wie damals, als noch alles gut war, beim Wunder von Bern. Ich habe mir den Film auf Japanisch angeguckt. Der Film ist sehr zum Weinen, aber auch zum Lachen, wenn der Report schreit: „Lahn! Lahn! Gooooru!!“ Das war mein unqualifizierter Beitrag zum Fussball. Ich wuensche der deutschen Fussballnationalmannschaft viel Erfolg beim Daviscup.

Schlange stehen

Juni 4, 2006

Hallo. Schlange stehen, zusammen oder getrennt? Das ist die Frage, die mich heute beschaeftigt. Gestern war Uni-Festival auf dem Campus. Die Studenten haben Buden aufgebaut, an denen sie leckeres Essen verkaufen. Es wird alles angeboten, was die japanische Kueche so hergibt. Die Studenten haben alle gute Laune und sind mit einem Engagement bei der Sache, wie ich es bei uns noch nie gesehen habe. Sie ueben schon mal fuer ihre spaeteren Berufe… Ernsthaft, es ist so, als ob man Labortiere ploetzlich freilaesst. Es ist toll. Die Auslaender haben auch Staende aufgebaut an einem separaten Strassenabschnitt. Das finde ich ganz interessant, aber ich will nicht zuviel hineininterpretieren. Normalerweise ist es ja fuer mich etwas schwer, Kontakt herzustellen. Heute ist alles anders. Ich nutze die Gelegenheit und und esse fast alles, was man mir anbietet. Dabei kann ich gut die Leute anquatschen. Ich versuche, ein paar auswendig gelernte japanische Saetze unterzubringen. Die meisten freuen sich und loben mich fuer meine Aussprache. Ich freue mich auch. Seit ich hier bin, bin ich ein bisschen frustriert wegen der Sprache. Es ist sauschwer, weil wirklich kaum eine Aehnlichkeit zu den europaeischen Sprachen existiert. Wenn ich sonst versuche, etwas zu sagen, bekomme ich meistens eine der folgenden Reaktionen: 1. Ich werde nicht verstanden – Das ist dann meine Schuld. 2. Ich denke, dass ich verstanden werde, aber mein Gegenueber hilft mir nicht, den Satz zuende zubringen. Das aergert mich. 3. Mein Gegenueber denkt, ich koenne fliessend japanisch und antwortet so schnell, dass ich wirklich gar nichts verstehe. So ist es meistens. 4. Ich bekomme alle Antworten auf Englisch. Da hilft nur, dass ich so tue, als ob ich kein Englisch verstuende. Hier auf dem Fest will ich aber ein bisschen lernen und ich sage ohne Zurueckhaltung, dass man langsam mit mir sprechen muss und einfache Saetze sagen soll. Dann lasse ich mir jedes einzelne Wort uebersetzen. Das dauert ewig, aber das ist die einzige Moeglichkeit fuer mich, ueberhaupt das Sprechen zu ueben. Die Studenten wollen natuerlich wissen, wo ich herkomme. Ich habe tierisch Spass daran, sie raten zu lassen. Sie raten immer: England! No. Australia! No. Amerika! No. Uuuh, I don`t know… Ich verrate es nicht, bis sie drauf kommen. Meistens hilft der Hinweis "Fussball" (="Saka" auf Japanisch) weiter. Mir faellt auf, dass sich etwas veraendert in Japan. Die juengeren Leute um die 20 haben meistens keine so grosse Scheu, Englisch zu sprechen. Selbst wenn es schlecht ist. Bei den Studenten in meinem Alter ist das noch anders. Sie haben so grosse Angst, Fehler zu machen, dass ich zu Beginn kein Wort aus ihnen herauspressen konnte. Aber wenn sie sehen, dass ich genauso grosse Probleme in Japanisch habe, geht es besser. Wie in Japan Sprachen unterrichtet werden, ist total bescheuert. Soviel dazu.
An zwei Verkaufsstaenden werden Okinomiaki verkauft, eine Art Pfannkuchen. Der eine Stand ist leer, der andere hat eine 10 Meter lange Schlange. Wartezeit: minsdestens 30 Minuten. Alle stehen geduldig in der Schlange. Warum, frage ich. Weil der Stand im vorigen Jahr so lecker war, bekomme ich zur Antwort. 30 Minuten Wartezeit sind ihnen egal? Ich wundere mich mal wieder. Ich erklaere mir das mittlerweile so, dass bei so etwas das japanische Gruppendenken wieder zuschlaegt. Die Leute nehmen einiges auf sich, damit sie Teil ihrer Gruppe bleiben. Das faellt mir immer wieder auf. Ich gehe aber zur anderen Bude, denn ich habe Hunger. Ja, so sind sie, die Auslaender!

Auf dem Fleischmarkt

Juni 2, 2006

Eine Geschichte aus dem April, die ich noch nicht veroeffentlichen konnte, weil das Tagebuch nicht funktionierte. Aber jetzt:

Am Samstagabend gehe ich wieder zu einem Livekonzert, denn die charmante Saengerin von "Kibaco" hat mich beim letzten Mal eingeladen, wieder zuzuhoeren. Das Konzert findet zusammen mit ein paar anderen Bands auf einer der vielen Buehnen statt, die hier ueber die Stadt verstreut sind. Die Musiker haben es gut hier, denn es gibt keinen Mangel an Auftrittsmoeglichkeiten. Nach dem Konzert verpeile ich es, mit der Saengerin zu sprechen. Also muss ich den Rueckweg antrete und verpasse die letzte U-Bahn. Ich laufe also zu Fuss nach Hause und werde dabei von einem Hollaender auf seinem Fahrrad angesprochen, den ich vor ein paar Wochen zufaellig getroffen habe. Es ist leicht, sich wiederzuerkennen. Der Hollaender ist nett, aber die beiden Homies, die er heute im Schlepptau hat, sind mir auf Anhieb unsympathisch. Der eine tippt die ganze Zeit auf seinem Handy herum, und der andere macht sich Sorgen um eines seiner beiden Lippenpiercings, das er gerade zusammen mit seinem McDonalds-Cheeseburger verschluckt hat. Ich rate ihm, morgen in seiner Scheisse nachzugucken, aber er lehnt das ab. Die drei sind unterwegs in eine Disco, in der immer viele Auslaender sind. Ich habe diesen Platz bisher gemieden, weil ich ahne, wie es da aussieht. Aber aus Angst, einen wichtigen Aspekt von Japan verpassen zu koennen, gehe ich mit. Ich werde vom "Booty" (so der bezeichnende Name der Disco; engl. fuer Beute, aber auch wahlweise fuer Hintern oder Geschlechtsverkehr) in dieser Hinsicht nicht enttaeuscht. Das Publikum besteht zur Haelfte aus Japanern und zur anderen Haelfte aus allen Auslaendern, die in Sapporo wohnen. Unter ihnen auch die unvermeidlichen Typen, bei denen man nicht weiss, was sie eigentlich sonst machen und die nicht mehr viel von Sextouristen unterscheidet. Das ist natuerlich der Sinn und Zweck einer Disco. Trinken und Tanzen im Erdgeschoss, Trinken, Abhaengen und Kennenlernen auf Sofas im ersten Stock. Einige Frauen haben wenig an. Mir faellt ausserdem auf, dass die Durchschnittsgroesse der Leute wieder ueber meiner Koerpergroesse liegt, was hauptsaechlich auf grosse amerikanische Jungs zurueckzufuehren ist. Schwierig ist in Japan immer, etwas zu bestellen, denn die meisten Getraenkekarten sind auf Japanisch. Da steht dann zum Beispiel bei den Cocktails "Su-ku-ru-do-ra-i-ba". Mit viel Phantasie errate ich dann, dass das ein Screwdriver sein muss. Auf diese Weise kann man ganz gut Japanisch lernen. Leider habe ich meinen 70er-Jahre-Glitzermantel und andere Accessoires zu Hause gelassen und so kann mein Outfit heute nicht mithalten beim Balztanz um die asiatischen Hungermodels. Es dominieren aufgetakelte Maedchen mit kuenstlichen Haaren und Koerperteilen. Ich schaeme mich stellvertretend fuer Europa und den Rest der Welt, denn der Laden ist ein echter Fleischmarkt fuer Weisse. Aber dann denke ich mir: Was soll's? Internationale Liebe ist auch Voelkerverstaendigung und die Japanerinnen, die sich das antun wollen, wissen ja, was sie tun. Denn sonst wuerden sie nicht herkommen. Wahrscheinlich werden sie von besoffenen Fussballhooligans immer noch besser behandelt als von ihrem Ehemann. O.K., das war uebertrieben. Aber immerhin muessen sie nicht lord and master sagen, wenn sie mit ihm sprechen wollen. Die Preise sind moderat und Koerperkontakt gibt es sogar umsonst. Koerperkontakt ist etwas sehr seltenes in Japan. Ich muesste jetzt weit ausholen ueber die Gesellschaft undsoweiter, aber das hebe ich mir fuer ein anderes Mal auf. Nur so viel: Es faellt allgemein auf, das menschliche Beziehungen und Anfassen in Japan vermieden werden zugunsten von vielen formellen Gesten. Das kommt schon durch die Art der Begruessung, das bekannte Verbeugen, zum Ausdruck. Den meisten Europaern fehlt der Koerperkontakt. In der engen Disco herrscht aber kein Mangel daran und die japanischen Verhaltensregeln gelten hier nicht. Leider sind keine pinky girls oder gothic lolitas hier. Dann waere es wirklich witzig. Die Party dauert bis zum Morgengrauen und am Ende sind alle versorgt.